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Juni 2021

Geboren im Trotzdem: Das Schweigen der Zypressen

Fest stand: Der Maler brauchte Hoffnung. Der Maler wusste, dass auch andere da draußen lechzten. Er wusste: Die Hoffnung stirbt immer zuerst. Leise. Also pflanzte der Maler einen Baum.

Diese Sätze stammen aus der ersten Passage des Buches „Das Schweigen der Zypressen“. Es ist in einer Zeit entstanden, in der die Hoffnung viele Male gestorben und wieder auferstanden ist, nicht nur bei mir und Kornelius Wilkens. Viele Hoffnungen wurden ganz aufgegeben, andere wurden geboren, Hoffnungen, von denen wir uns im Traum nicht hätten vorstellen können dass wir sie einmal hegen würden. Wieder ins Café gehen. Gäste empfangen. Einander berühren. Zusammen über einer Idee brüten, zum Beispiel einem neuen Buch.

Ein trotziges Wesen

Im Frühjahr 2020 sollte nach den „Ansichten in stillem Blau“ unser zweites Werk entstehen, die ersten Bilder füllten einen Ordner, erste Notizen den Schreibtisch, sogar einen Titel gab es schon. Und dann kam – ich werde diesen Satz nicht zu Ende schreiben. Vermutlich wurde kein Satz innerhalb eines Jahres so oft geschrieben und gesagt wie dieser. Und dann kam. Was kam: Lähmung. Überforderung. Die Frage nach dem Sinn. Distanz, freilich nur geografisch. Schreiben gegen die Angst. Viele Texte sind daraus entstanden, gute Texte, und Kornelius hat gemalt, getuscht und gezeichnet als gäbe es kein Morgen. Man wusste ja auch nie, wie es aussehen würde, dieses Morgen.

Geburten brauchen ihre Zeit, da macht das Leben keine Unterschiede. Es dauert bis ein Neugeborenes schreit. Es dauert bis sich Lippen finden zum Kuss oder einem Wispern im Gleichklang. Und es dauert bis die einander treffen die eine Aufgabe haben.

Dennoch war mir klar, dass aus diesen Texten kein Buch werden würde. Es wird genug davon geben, wahrscheinlich zu viele. Trotzdem ist der Wunsch, zu schaffen, etwas Greifbares, mit den Händen hergestelltes und für Hände gemachtes, ein trotziges Wesen. Also schenkte ich Kornelius zu seinem Geburtstag im November einen Stift und ein Heft und bat ihn es zu füllen. Kombiniert mit der natürlich völlig selbstlosen Idee, es mir einen Monat später zu meinem Geburtstag „zurück zu schenken“. Am 11. Dezember 2020 lag es im Briefkasten, dazu ein wunderschöner blauer Kugelschreiber. Und ich begann zu schreiben. Nur wenige Momente nachdem ich das Heft einmal durchgeblättert hatte. Ich sah sofort die Geschichte hinter den Bildern. Kornelius würde eine andere erzählen, aber darum geht es nicht.

Macht und Flüchtigkeit

Wörter sind empfindlicher als Dill.

Ich trage die Geschichte schon lange mit mir herum. Sie hat ein Vorbild, das ich auf keinen Fall verschweigen möchte. Es ist ein kleines Bilderbuch mit dem Titel „Die Wörterfabrik“. Es erzählt von einer Welt, in der Menschen Wörter erst kaufen müssen, bevor sie davon Gebrauch machen können. Ich war elektrisiert. Was für ein Stoff. Und sicher ist es kein Zufall, dass ich mich ausgerechnet in dieser Zeit, in der vielen der Wert der Sprache, ihre Pflegebedürftigkeit, ihre Macht und ihre Flüchtigkeit, mehr denn je bewusst wird, hinsetzte und „Das Schweigen der Zypressen“ schrieb. Ein Buch das mit Bäumen und Hoffnung beginnt. Mit Wachstum. Die Zypressen sind aus Kornelius’ Werk nicht wegzudenken. Ich finde, das erzählt viel von seiner Kraft.

Noch im letzten Winkel der Erde wuchern Möglichkeiten wie Raps. Sie riechen nur besser. Und setzen sich in Nasenfalten fest wie die Tausendfüssler bleierner Müdigkeit.

Und weil davon immer ein bisschen auf mich übergeht, geht die Geschichte des reisenden Heftes weiter. Seit Jahresbeginn schreibe ich an meinem ersten Roman. Mir wurde klar, dass die Geschichte des Maler, des Anstreichers und ihrer Verbündeten zwar ein Ende hat. Sie ist aber nicht auserzählt. Das werde ich auch mit „Blau“ (so heißt die Datei, den ganzen Titel verrate ich nicht) nicht können, wie soll ein Buch über Sprache vollständig sein. Aber die Leserinnen und Leser werden mehr erfahren über die „Helden“ (ein leider sehr strapaziertes Wort derzeit, wir müssen es retten) der „Zypressen“, weitere Figuren treten auf, vieles geschieht.

Die Müdigkeit wohnt also weiterhin in dem ihr zugewiesenen Haus. Darf abends freundlich grüßen und wird ebenso in Empfang genommen. Morgens muss sie gehen. Geschichten wollen erzählt werden. Sie sind die beste Arznei gegen die Hoffnungslosigkeit.

Das Schweigen der Zypressen. Texte von Barbara Weitzel zu Skizzen von Kornelius Wilkens. ISBN 978-3-000-687-914

2 Antworten zu “Geboren im Trotzdem: Das Schweigen der Zypressen”

  1. Wolfgang Koch sagt:

    Kyparissos, von dem das Wort Zypresse abstammen soll, war ein Geliebter des Apollon, des Gottes des Lichts, vor allem aber der Dichtkunst und des Gesangs. Aber diese Geschichte werde ich vielleicht auch in Deinem Buch finden. Jedenfalls ist dieser genealogische Hintergrund Anlass genug, Dein neues Buch zu kaufen.

    • Barbara Weitzel sagt:

      Lieber Wolfgang, von Dir ist immer Wissenswertes zu erwarten. Diese Art Verlass ist von unschätzbarem Wert in solch turbulenten Zeiten. Soll ich heute oder am Wochenende ein Buch eintüten und in die Schweiz schicken? Es wäre mir eine Freude. Liebe Grüße aus Berlin, Barbara

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