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September 2021

Die Kraft der Fäden zwischen Leben und Lektüre: I Get A Bird

Die Gedanken werden klarer, wenn man sie für jemanden formuliert. Auch kleine Gedanken finden Raum. Die unwichtigen. Ach. Was sind überhaupt wichtige Gedanken?

Wir kommen mit allem zurecht, außer mit der Ohnmacht.

Wie schreiben über ein Buch, das einen sprachlos macht? Seit zwei Wochen liegt „I Get A Bird“ auf meinem Schreibtisch und ich umkreise es wie ein gefährliches Tier. Gefährlich im Sinne von überwältigend, erschöpfend, einen verändernd. Auch während der Lektüre gab es diese Momente. In denen ich mich nicht getraut habe, es zur Hand zu nehmen und aufzuschlagen. Dünnhäutige Momente, Momente, in denen ich mich seiner Wucht nicht gewachsen fühlte.

Ungebeten, aber zärtlich

Wollen Sie das Meer der Möglichkeiten wirklich nicht gegen Gewissheit eintauschen? An der Gewissheit kann man scheitern – im Ozean der Möglichkeiten muss man ersaufen. Ich weiß, wovon ich rede. Angst ist auch so ein Möglichkeitsmeer. Und ich habe viele Ängste. Jeder habe ich einen Namen gegeben.

Die Wucht hat viele Ursprünge. Zum einen die Sprache. Anne von Canal und Heikko Deutschmann nehmen alles, was das Möglichkeitsmeer der Worte, Bilder, Wendungen, der Stilistik hergibt, um mal beim Bild zu bleiben. Ein weiteres sind die Lebensgeschichten, die sie einander als Jana und Johan erzählen. Dazu gleich mehr. Was mich aber momentweise in die Knie hat gehen lassen, ist ein Phänomen, das man nur ganz selten erlebt beim Lesen: An vielen Stellen verflocht sich das Buch mit meiner eigenen Gegenwart und Vergangenheit. Das klingt ein wenig selbstbezogen, doch ich bin sicher, viele Leserinnen und Leser erleben das. Sie lesen einen Satz, den sie selbst mal genauso gesagt haben. Oder Worte, nach denen sie seit langem suchen. Manchmal findet man auch Antworten in solchen Büchern, Rat, um den man nicht gebeten hat, der aber trotzdem willkommen ist.

„Ratschläge sind auch Schläge“. Mit diesem Satz, den mir eine Bekannte schenkte, beginnen die „Ansichten in stillem Blau“. Ich meine damit vor allem diese ungebetenen Ratschläge. Und begreife: Der Satz gilt nicht für Bücher. Sie drängen sich nicht auf, wollen einen nicht in eine bestimmte Richtung schubse. Oder wenn, dann nur sehr zärtlich. Sie sind da. Bieten an.

Die Hände von Hebammen

„Kein Anschluss unter dieser Nummer. Jedes Wort ein Fallbeil.“

„Denn die Angst hat kein Gesicht., oder besser gesagt, sie hat viele. Die Angst hat immer das Gesicht, das ihr nützt.

„Ich sah die Chance, die sich mir bot: Leben, als wäre nichts gewesen.“

Als wäre nichts gewesen. Auch nicht „dieses Kettenhemd aus Schuld.“ Das sind die großen Themen, die Anne von Canal und Heikko Deutschmann in ihrem Briefwechsel mit einer Behutsamkeit behandeln, die an die Hände von Hebammen erinnert. Angst und Schuld. Und die unerhörte Kraft der Verdrängung. Beide, Johan der Busfahrer und Jana, die Zukunftsforscherin, die nun zu einer der Vergangenheit wird, tragen Riesenrucksäcke. In Millimeterschritten beschließen sie, diese auszupacken, Rückschritte, Ausweichen, Abbiegen inklusive. Das liest sich spannend wie ein richtig guter Krimi und man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell blättert.

Der Brief einer Fremden

Wie es wohl Anne von Canal und Heikko Deutschmann erging? Wie war die Spannung bis zum nächsten Brief auszuhalten? Laut Synopsis haben die beiden nur den Anfang abgesprochen. Ich will das glauben. Was für ein Abenteuer. Es beginnt mit einem Kalender, den Johan Jana zurückschickt, drei Jahre, nachdem er ihn in einer Telefonzelle gefunden hat. Telefonnummern und die Hoffnungen, die an ihnen hängen, sowie der Verlust von beidem und Menschen, diese Fäden halten „I Get A Bird“ zusammen. Und viele mehr. Über die zu schreiben aber hieße, dem Buch die Magie zu rauben. Warum soll der Leser, die Leserin, mehr wissen, als die Schreibenden? Auch der mare-Verlag verrät nicht fiel mehr. Wie gut. Hätte ich gewusst, wie viele Fäden das Buch in meine Richtung spinnen wird, siehe oben, ich hätte es vielleicht gescheut.

Und wenn sich dann auch noch während der Lektüre-Tage ein Briefwechsel mit einer Fremden entspinnt, einer Leserin der „Zypressen“, dann ist die Verflechtung von Leben und Literatur komplett. Mehrere Seiten schrieb sie mir nach ihrer Lektüre, ich bat sie, ein wenig von sich zu erzählen, weitere Seiten folgten. Natürlich per Mail, eigentlich schade, aber Telefonzellen gibt es ja auch nicht mehr.

Richtung Licht

„Wie heißen denn Ihre Lieben?  (gemeint sind Johans Ängste) Ich frage das ernsthaft, denn oft ist es ja so, dass unangenehme Dinge Frauennamen tragen: Tiefdruckgebiete, Kometen und Navigationsgeräte.“ 

„Ich hatte sie gar nicht bemerkt, sie sah aus wie ein Teil der Einrichtung.“

Und wie so viele Bücher über großes Leid, über Menschen, die in den Abgrund gesehen haben oder sogar hinabgestiegen sind, enthält auch „I Get A Bird“ unzählige Passagen von großer Komik. Vielleicht entsteht dieser besondere Humor, wenn man nichts mehr zu verlieren hat, sowie Johan und Jana? Ich korrigiere: Wenn man meint, man  habe nichts mehr zu verlieren. Denn diese beiden begreifen j a, einander schreibend, dass sie leben wollen. Weitermachen. Sie machen sich auf Richtung Licht. Und man denkt sich: Wenn sie das schaffen, dann kann man alles schaffen. Was für eine Botschaft. Auch in der Welt außerhalb der Buchdeckel trifft man ja, wenn man Glück hat – aber vielleicht ist es auch eine Frage des Hinsehens und Hinhörens – Menschen, die Kraft für zehn zu haben scheinen. Solche Begegnungen  haben den gleichen Effekt wie eine solche Lektüre: Aufgeben ist keine Option mehr.

„Die Kraft der Stadt ist größer als die des Mondes.“

„Alles in allem war er, weil ihm nichts Besseres einfiel, glücklich.“

Und dann sind da noch die Sätze von so schlichter Größe, das man sie sich statt eines Gemäldes an die Wand hängen will. Oder sie auf Mauern und in U-Bahnschächte schreiben. Oder sie

„In ein Loch rufen, das durch die Erde geht. Ganz hindurch.“

 Anne von Canal & Heikko Deutschmann: I Get A Bird. Mare 2021, ISBN 978-3-86648-682-9

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