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Januar 2021

Verwoben: Von Lebensbüchern und magischen Momenten

„Und Ulrich bemerkte nun, daß ihm dieses primitiv Epische abhanden gekommen sei, woran das private Leben noch festhält, obgleich öffentlich alles schon unerzählerisch geworden ist und nicht einem „Faden“ mehr folgt, sondern sich in einer unendlich verwobenen Fläche ausbreitet.“ – Robert Musil, MoE

Es ist wohl kein Zufall, dass das Kind seine ersten Schritte auf der unendlich verwobenen Fläche in dieser Zeit der Stille und des Stillstands getan hat. Die Sinne vibrieren momentan, die Haut ist durchlässiger, alles scheint bedeutsam.

Der erste magische Moment ereignete sich unweit des Sees, der auch mir schon viele dieser Augenblicke geschenkt hat. Wir sprachen über Verbindlichkeit. Anlass war ein Kummer. Das Kind verabredet sich gerne, zwei seiner Freunde hingegen nicht. Die leben lieber in den Tag, entscheiden spontan. Ich erklärte ihm, dass auch in dieser Frage die rheinische Maxime „Jeder Jeck ist anders“ gelte. Während das Kind darüber mit tief gefurchter Stirn und ernsten Augen nachdachte, ertönte plötzlich die Stimme eines seiner Freunde über die Wiese. „Wollen wir uns für heute verabreden?“ Boing. Schockstarre. „Ja…äh…ja!“ Stotterte das Kind zurück. Und nahm eine Erweiterung seiner Wirklichkeit mit nach Hause.

Sound und Schwindel

Zwei Tage später unterhielten wir uns über Lieblingslieder und planten, welche Stücke wir zusammen abends auf dem Klavier und der Klarinette spielen würden. „Hit the Road, Jack!“ rief der werdende Pianist. Einverstanden. Doch zunächst musste gekocht werden. Ich schaltete das Radio an und… unnötig zu sagen, was lief. Augen wie Murmeln machte das Kind. „Wie vorgestern…“ flüsterte es und hatte verstanden. Auch, dass seine Welt in dieser Woche riesig geworden war und dass das ein Geschenk ist.

Geradezu geschaffen für magische Momente ist die Welt der Bücher. Gleich einer Armee von Verbündeten schickt das eine den Leser zum nächsten, lässt das nächste an eines aus der Vergangenheit denken. Eine verwandte Figur, ein ähnlicher Sound, eine vertraute Szene: Zack! findet man sich in einer längst vergangenen Lektüre wieder. Völlig schwindelig machte mich vor wenigen Wochen eine Passage in Betty Smith’ Roman „Ein Baum wächst in Brooklyn“. Sie lautet wie folgt:

„Was hatte Oma Rommeley gesagt?>Alles immer so ansehen, als würde man es zum ersten oder letzten Mal sehen.< So kann man seine Zeit auf Erden voll auskosten.“

Verschwimmende Grenzen

Ich habe die Sätze abgeschrieben und aus dem Papierstreifen ein Lesezeichen gefertigt. Das steht nun neben einem weiteren, Rücken an Rücken mit den Lebensbüchern auf meinem Schreibtisch. Zu ihnen später. Eines davon ist Mariana Lekys Wunderbuch „Was man von hier aus sehen kann“:

„Selma saß dem Optiker gegenüber. Sie hatte Strümpfe ausgebessert und klebte jetzt Briefmarken auf Kuverts, mit dem Zeigefinger der verbogenen Hand strich sie über die Marken. Sie tut immer alles so, als täte sie es zum ersten und letzten Ma, dachte der Optiker.“

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Während ich die beiden Passagen tippe, laufen mir wunderschöne Schauer über die Arme. Da ist sie, die „unendlich verwobene Fläche“ aus dem „Mann ohne Eigenschaften“. Musil steht, natürlich, auch bei den Lebensbüchern. Außerdem „Das ist Wasser“ von David Foster Wallace, „Mein Alphabet“ von Ilma Rakusa und Cath Crowleys „Das tiefe Blau der Worte“. Ein Buch, das wie kein Zweites die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Literatur verschwimmen lässt. Deswegen hat es auch im „Über mich“ Platz gefunden. Laufen und lesen, laufend lesen, oft ist das eins.

Knallen sie in die Realität – die ja, siehe oben, gar nicht zu lösen ist vom Museum der Wirklichkeiten, welches die Literatur darstellt – nenne ich solche Erlebnisse „Weltmomente“. Zwischen den Jahren habe ich einen Text darüber geschrieben. Er soll diesen Beitrag abrunden.

Welt im Augenblick

In selten, kostbaren Momenten fühle ich mich mit der ganzen Welt verwoben. Eine Flut von Bildern, Geräuschen und Gerüchen geht dann auf mich nieder und zugleich fliege ich durch das Universum, kreuz und quer und sogar mitten durch die Kugel hindurch. Und überall sehe ich den Menschen bei ihrem alltäglichen oder außergewöhnlichen Treiben zu.

Etwa bei der Geburt eines Kindes. Ich spüre die Wehen, die Erlösung nach dem ersten Schrei, die überwältigende Zärtlichkeit für einen blutigen, zerknautschten Minimenschen auf dem Bauch.

Ich sehe aber auch Männer sterben und Frauen unfassbares Leid ertragen. Sehe Kinder, die töten müssen mit Waffen, die größer sind als sie und für immer Spuren in ihren kleinen Händen hinterlassen werden. Menschen hungern vor meinen Augen. Diesen Hunger kenne ich nicht, ebenso wenig Gewalt in diesem Ausmaß und die Dankbarkeit für meine relative Unversehrtheit gehört zu den Weltmomenten wie der süße Taumel.

Irgendwo schreibt jemand, tief gebeugt über ein Blatt Papier, sein erstes Gedicht. Oder er sucht das Dunkel nach Worten ab, fischt im Himmel nach flirrenden Zeilen und Purzelbäume schlagenden Reimen. Lustigerweise höre ich manchmal einen Federkiel kratzen. Weltmomente sind zeitlos.

Jemand stirbt in aller Stille, hoffentlich nicht allein, sondern die pergamentene Hand in die eines jüngeren Menschen gebettet. Viele sterben in jeder Minute, doch diesem einen Abschied darf ich bewohnen und ertappe mich bei einem geflüsterten Gebet auf den Lippen.

Millionenfach, wird Liebe gemacht. Verbotene Liebe und wollüstige Balgerei, ehelicher Sex und erste Berührung. Keuschheit trifft Hingabe, Begierde tanzt mit schüchternem Gestammel. Neues Leben entsteht hinter geschlossenen Lidern.

Etwas explodiert, dann Stille.

Ein Orchester spielt auf, woanders erklingt der finale Paukenschlag. Applaus erfüllt das Wohnzimmer und macht das quälende Fehlen solcher Stunden kurz vergessen. 2020 sind Weltmomente noch wertvoller.

In einer Kopfsteinpflastergasse malen Kinder mit Kreide Sonnen und schräge Gesichter auf das Trottoir. Die Alten am Rand der Straße lassen sich davon nicht stören. Sie sitzen auf kippeligen Plastikstühlen und spielen Domino oder Backgammon, das Klackern der Steine löst die Orchestermusik ab. Weder die Kinder noch sie ahnen etwas von dem Gewitter, das hunderte Kilometer entfernt herniedergeht und Mensch und Tier in Schrecken versetzt.

Läden werden geschlossen, fiebrig sucht man nach den Kerzenvorräten. Der Himme trägt sein gelbes Kleid und weiß, dass er darin schaurig schön aussieht. Eine Katze versteckt sich unter der Couch, der Hund hat weniger Angst.

An einem Ort geht grinsend die Sonne auf, an einem anderen legt sie sich gähnend nieder. Vorhänge werden zugezogen und Plüschtiere geordnet. Nur eines darf mit unter die Decke und zwar jeden Tag ein anderer Kandidat. Eine wie immer geartete Reihenfolge ist nicht nötig, Liebe kennt weder Los noch Ranking. Heute ist es der Igel mit der geplatzten Naht hinter dem Ohr.

Milliarden von Küssen werden ausgetauscht, zärtliche Blicke und Gesten, die kein Mensch je erlernen muss. Sie sind uns angeboren wie der Hunger, der sie hervorbringt.

Einer bereitet ein Rührei zu mit sehr fein gehackten Kräutern. Eine Frau in einer blitzblanken Küche bereitet eine Leberwurststulle mit Gurke zu. Ich kann sie schmecken und @Valeska sicher auch. Gar nicht so weit entfernt macht ein zahnloser Säugling seine erste Bekanntschaft mit Apfelmus und quiekt vor Vergnügen. Die Flecken auf seinem Lätzchen kümmern weder ihn noch seinen Vater, der 3 Meter groß vor Stolz neben ihm sitzt.

Auf einer Party in Kapstadt wiegt man sich im Engtanz. In Toronto ächzt ein Club, so wild ist der Pogo. Dort bleibe ich erst einmal, denn Mutter und Kind müssen nach der Geburt für sich sein. Am anderen Ende der Welt.

 

2 Antworten zu “Verwoben: Von Lebensbüchern und magischen Momenten”

  1. Es ist immer wieder eine Freude, von Dir zu lesen. Die gegenwärtigen Zeiten lassen auch mich, der ich seit Monaten als Risiko-Mensch in absoluter Quarantäne lebe, viel Zeit in einem Raum voller Bücher laufend lesend leben. „Bücher sind diskrete Gefährten, vornehm und anspruchslos, denen ein Winkel in meinem bescheidenen Haus genügt, die sich keiner Anordnung widersetzen, immer da sind, nie Überdruss erzeugen,verschwinden wenn man sie dazu auffordert, und zurückkommen, wenn man sie ruft; sie sprechen mit uns, raten uns und verbinden sich mit uns in lebhafter und geistreicher Vertrautheit“. (Petrarca)

    • Barbara Weitzel sagt:

      Lieber Wolfgang, ich denke in diesen Tagen oft an Dich in Deinem großen Sessel, mit der Pfeife in der Hand und umgeben von Büchern. Wie überleben Menschen nur diese Monate, die nicht gerne lesen? Bisher konnte mir niemand eine Antwort darauf geben. Gucken die Serien? Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Ersatz ist. Aber nu, wie es im Text steht: Jeder Jeck ist anders. So grüße ich Dich von Büchernarr zu Büchernarr (wieso eigentlich Narr?) und danke Dir für das wunderbare Petrarch-Zitat. Ich werde es in meine Sammlung aufnehmen. Sei gegrüßt aus dem fernen Berlin und halte gut durch, Barbara

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