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November 2019

Wohnsitz von Welt und Detail: Mein Alphabet

Mein Augenmerk gilt den kleinen Dingen, denn in ihnen spiegeln sich die sogenannt großen. Das Augenmerk muss aber präzis sein. Und das Gesagte erst recht. (Ilma Rakusa, Mein Alphabet)

Cafés sind fast immer ein guter Ort um zu lesen. Manche Bücher wollen aber geradezu im Café gelesen werden – sowie es Cafés gibt, die unmissverständlich nach ihrer Lektüre rufen. Genau dort und in diesem Moment.

Ich hatte Ilma Rakusas  jüngstes Buch „Mein Alphabet“ zufällig in der Tasche, als ich das Café Bilderbuch in Schöneberg entdeckte. Und auch wieder nicht. Denn ich trug es seit Wochen mit mir herum und tue es noch. Bin erst beim Buchstaben „S“ und haushalte jetzt streng. Es soll nicht aufhören.

Auch was das Café Bilderbuch betrifft, glaube ich nicht an einen Zufall. Zu sehr, zu schnell, zu dauerhaft fühlte ich mich am einzig richtigen Ort. Fast ein bisschen wie zu Hause.  Alles dort ist ausgesucht und wertvoll und ich meine nicht materielle Werte, sondern die zärtliche, eigenwillige Präsentation. Die sichtbare Wertschätzung der Dinge. Von den deckenhohen Bücherregalen über das zusammengewürfelte Mobiliar bis hin zur Speisekarte, die zugleich ein Monatsmagazin ist, das man mitnehmen darf. Die Liebe zum Detail hat viele Wohnorte. Einer davon ist in der Akazienstraße.

Femme de lettres

Ihr Hauptwohnsitz jedoch, so kommt es mir immer vor, wenn ich Ilma Rakusa aufschlage und zu lesen beginne, ist in ihren Büchern. Kennengelernt habe ich die Autorin durch das „Gedicht gegen die Angst“, ein Bekannter und großer Leser hat mich darauf gebracht. Zu lesen ist es am Ende des Textes. Und noch etwas vorweg: Am vergangenen Sonntag wurde Ilma Rakusa mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Auf der Seite der Kleist-Gesellschaft heißt es über sie:

„… sie verkörpert in einzigartiger Weise den Typ einer femme de lettres, wie er heute kaum noch anzutreffen ist: Dichterin, Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin (aus vier Sprachen), Kritikerin, polyglotte Intellektuelle“

Und ja, das ist sie. Schenkt einem Welten, indem sie von Reisen berichtet und aus vier (!) Sprachen (Russisch, Serbokroatisch, Ungarisch und Französisch) übersetzt. Rakusa, geboren in der Slowakei als Kind eines Ungarn und einer Slowakin, hat Bücher von Marina Zwetajewa, Danilo Kiš, Péter Nádas, Imre Kertész, Alexej Remisow, Anton Tschechow und Marguerite Duras ins Deutsche übertragen.

50 und mehr Bändchen 

Was sie vor allem aber schenkt, und zwar großzügig aus vollen und, wie es aussieht, nie leerer werden Händen: Ihren genauen, jedes noch so kleine Detail würdigenden Blick. Dinge, Phänomene, Wörter, Gestalten, Gebäude, Farben, Speisen, Städte, Kunstwerke, Lektüren, Wetter – nichts ist zu unbedeutend, als dass es ihr nicht eine Näherung, Ehrung oder Reflexion würdig wäre. Deswegen passt „Mein Alphabet“ so gut ins Café. Die Texte saugen einen nicht ein, absorbieren nicht, man versinkt nicht darin (was ja auch ein Genuss und eine herrliche Aufregung sein kann), sondern lassen einen auch immer wieder den Blick heben.

„…ich mag die Lücken, Pausen, Abwesenheiten. Gehören sie doch zu einem Ganzen. Ob Schweigen, weißes Blatt oder die lange Weile einer leeren Zeit: sie halten Möglichkeiten bereit. Nichts ist nicht nichts. Es birgt Aktivität.“

Es ist ein neuerer, intensiverer, wacherer Blick auf: Die Farbe Blau. Engel. Küche, Kartoffeln, Kekse und Klekse. Das Wörtchen „Oh!“. Pantoffeln. Licht. Leere und Nichts (siehe oben).  Ljubljana, Japan und die Provence. Zeit. Haut. Zypressen. Das Meer. Migräne. Tomaten und den Tod. Religion. Jogurt. Und so viel mehr. Der Band hat zwei Lesebändchen. Es bräuchte 50 und mehr, um die Kapitel und Passagen zu markieren, die mich minutenlang haben innehalten lassen.

Palatschinken und Schubert

 Denn „Mein Alphabet“ ist zwar eine Feier alles oben genannten, der Welt und all ihrer großen und vor allem kleinen Geschenke, jedoch nie laut. Im Kapitel „Interpunktion“, in dem Rakusa über den Wert und die Bedeutung eines jeden Satzzeichens nachdenkt, macht sie eine einzige Einschränkung:

„Einzig Ausrufezeichen meide ich. Soviel Fortissimo muss nicht sein.“

Eine Wohltat in Zeiten von Social-Media-Geschrei und dem Kampf um Aufmerksamkeit via Superlativ in allen Lebensbereichen. Doch nicht nur, wenn sich Rakusa zum Schreiben an sich äußert, geht es zwischen den Zeilen oft darum. Vielleicht weil Sich-durch-die-Welt-bewegen, Wahrnehmung und literarische Verarbeitung des Wahrgenommenen untrennbar verwoben sind in dieser Literatur. Auch was sie über „Querfeldein“, köstlich gelegen zwischen den Einträgen „Palatschinken, Pasta“ (man MUSS sofort eines von beidem essen, besser beides) und „Quartett“ (augenblicklich kriegt man Lust auf Kammermusik, Schubert, Schumann, Bartók, besser alles) schreibt, lässt mich an ihre Art zu formulieren und zu erzählen denken.

„Noch immer fasziniert mich die Vokabel, denn sie verfügt über den Schwung des Ausscherens. Der Übertretung ad hoc. Nicht hier lang, sondern quer. Auf meine eigene Verantwortung, versteht sich. Das Querfeldeine lässt sich nicht planen, es ereignet sich. Antrieb und ungestümes Losgehen fallen ineins. Unideologisch, das Ganze, weder Vorsatz noch Grundsatz.“

Querfeldein zitiert

Im Kapitel „Poetik“ thematisiert sie das Vorgehen selbst, unideologisch und weder als Vorsatz noch als Grundsatz. Sondern ganz schlicht und uneitel als Weg und Ziel zugleich. Es folgt übrigens auf „Pappel“ und ich kann nicht widerstehen, sozusagen querfeldein kurz daraus zu zitieren:

„Der Pappelflaum flog durch die Stadt (Moskau, Anm. B.W), flog und flog von keiner choreographierenden Hand gelenk. Flog auch da, wo keine Bäume zu sehen waren, überwand alle Hindernisse, ein pausenloses, lautloses Gewölk (…) Ein zartes, sinnloses Geschenk. Und gerade darum so anrührend.“

Ich werde wohl nie wieder Pappelflaum sehen können, ohne an dieses „zarte Geschenk“ zu denken und daran, dass es Menschen gibt, die der Anblick der Flocken rührt. Und die das so ausdrücken (können), lesbar, vorstellbar für jeden, der möchte. Ein riesiges, zartes, sinnreiches Geschenk. Und damit zurück zur „Poetik“. Rakusa erklärt hier nicht nur ihre Art zu schreiben, sondern (für mich) gleich auch mit, warum man sich so wohl fühlt in ihren Texten. „Abgeholt“ würde ein Politiker sagen. Ernst genommen.

„Immer arbeite ich an – und mit – einer poetischen Sprache, die unabgenutzt, frisch, lakonisch und musikalisch klingen soll. Dazu gehört: zeigen, nicht erklären, suggerieren, nicht behaupten. Lieber lasse ich Leerstellen, als etwas belehrend zuzukleistern. Lieber stelle ich Fragen, als mich allwissend aufzuspielen. Denn auch für die Phantasie des Lesers soll es Freiräume geben, das ist mir wichtig.“

Bücher und Karnickel

Rakusa bietet an, doch zwingt nichts auf. Man kann kosten, aus den Vollen schöpfen oder ablehnen (was freilich schwer vorstellbar ist). Innerlich eigenes hinzufügen. Fragezeichen setzen. Antworten finden. Und tut es automatisch – oder versucht es zumindest – mit der gleichen Sorgfalt bei der Wortwahl, mit dieser Hochachtung vor der Sprache, die ich so schätze an diesem Buch. Gerade, weil sie vielerorts so mit Füßen getreten oder zumindest mit gefährlicher Gleichgültigkeit behandelt wird.

„Ich liebe Dinge, nicht aus materiellen Gründen, sondern weil sie eine Umgebung bilden, die ich mitgestalte. Und weil mir der Gedanke gefällt, dass sie mich überdauern (…) jeder Gegenstand hat seine Geschichte und hält mir mitunter den Spiegel vor. Oder redet mit mir: Erinnerst Du Dich, als wir zusammenkamen in jenen staubigen Prager Antiquariat? (…) Dinge sind Gedächtnisspeicher, Erinnerungskapseln (-katalysatoren), von der Zeit gezeichnet wie wir selbst. Sie verdienen eine gute Behandlung, ja, mehr noch: Zuwendung. Ich finde, wir gehen mit ihnen viel zu acht- und lieblos um.“

Als ich diese Zeilen im Café Bilderbuch las, sah ich auf, sah all die Dinge im Café und dachte: Hier nicht. Ilma Rakusa würde es hier bestimmt auch gefallen. Vielleicht war sogar schon mal im Café Bilderbuch? Und dann lachte ich leise, als ich weiterlas:

„Natürlich haben sie die Tendenz, sich unaufhaltsam zu vermehren, die Bücher tun es karnickelartig.“

Ja, das tun sie. Fast jeder Text schubst sanft oder mit Nachdruck weitere ins Blickfeld. Wie das Gedicht, mit dem die Bekanntschaft mit dieser mir so unersetzlich gewordene Autorin begann. Abgeschrieben habe ich es aus dem Band mit dem rätselhaft schönen Titel „Impressum: Langsames Licht“.

Gedicht gegen die Angst

Streichle das Blatt
küsse den Hund
tröste das Holz
hüte den Mund
zähme den Kamm
reime die Lust
schmücke den Schlaf
plätte den Frust
neige das Glas
wiege das Buch
liebe die Luft
rette das Tuch
schaue das Meer
rieche das Gras
kränke kein Kind
iss keinen Fraß
lerne im Traum
schreibe was ist
nähre den Tag
forme die Frist
lenke die Hand
eile und steh
zögere nicht
weile wie Schnee
öffne die Tür
lade wen ein
schenke dich hin
mache dich fein
prüfe dein Herz
geh übers Feld
ruhe dich aus
rühr an die Welt

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht. Droschl, 184 Seiten. ISBN 978-3-85420-949-2

Ilma Rakusa: Mein Alphabet. Droschl, 312 Seiten. ISBN 978-3-99059-032-4

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