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Juni 2019

Laufend grübeln Die Verrohung und der Spottbürger

„Wenn nicht jeder von uns in seinem Umfeld etwas tut und der zunehmenden Verrohung im Umgang miteinander wiederspricht, wenn nicht jeder etwas sagt zum zerstörerischen Dauergemotze über unsere Demokratie und denen nicht beisteht, die von Hass und Mobbing zerquetscht werden, dann werden auch Politik, Polizei und Justiz unsere Freiheit nicht mehr retten können.“

Das sagte Markus Nierth in einem Interview mit der Berliner Zeitung vom 18. Juni. Natürlich ging es um den Mord an Walter Lübcke. Nierth war mal Bürgermeister der Gemeinde Tröglitz. Nachdem ihn Rechtsextremisten 2015 mit einem Messer bedrohten, trat er zurück.

Zweierlei Minderheiten

Das Wort Verrohung  – der Gesellschaft, des Diskurses, des Umgangs miteinander, in den Parteien und generell – ist in aller Munde. Alle reden davon, dass das nicht so weiter gehen kann, weil es denen nützt, die es roh mögen. Weil die darunter wegklappen, die am meisten darunter zu leiden haben: Die Minderheiten und die im Rampenlicht stehen, Verantwortung tragen. Auch eine Art Minderheit, wollen nur viele nicht so sehen. Denn dürfte man sonst auf dieser Minderheit herumhacken bis der Arzt kommt? Wenn er denn rechtzeitig kommt.

Allen voran auf der Politik. Aber auch vom Versagen des Rechtsstaates ist viel die Rede, von der Justiz sowieso. „Die ganze Härte des Rechtsstaates müssen der oder die Täter zu spüren kriegen“. Las ich in den letzten Tagen gefühlt 100 Mal aus verschiedenen Mündern.

Unbedingt. Und ja, Polizei, Justiz, und auch Politiker versagen. Immer wieder, oft mit dramatischen Folgen. Ich will das gar nicht verharmlosen. Warum mich die Worte von Markus Nierth – und ähnlich lautende – so grübeln machen: Warum folgt nichts aus ihnen? Warum würde jeder sofort unterschreiben, dass Deutschland verroht, das die demokratischen Institutionen und Vertreter zumindest zittern unter dem Lärm und den permanenten Erschütterungen. Und trotzdem lärmen und hacken alle weiter, ununterbrochen?

Ich meine nicht ausgeruhte und konstruktive Kritik an dem, was nicht gut läuft. Schon gar nicht, wenn jemand bessere Ideen hat. Ich meine – in diesem Text – aber auch nicht die Bedrohung durch Feinde der Verfassung, des Toleranz und des friedlichen Miteinanders und Dialoges von extrem rechts und extrem links. Wobei man manchmal das Gefühl hat, von denen schaut mancher sich gerade viel ab. Es vermischt sich. Die Extreme, die Mitte. Die Schweigende und die lamentierende und die wütende und die hämische. Die Mittel sind verschieden, nicht aber die Folgen.

Hässlich jubelnde Horden

Ich meine alle, die sich im täglichen Spott, in jeder sich bietenden Häme, im Dauerfeuer der Besserwisserei gefallen. Zwei, drei Stunden nach der Lektüre stieß ich auf manch jubelndes Grüppchen von Leuten im Netz, die sich über die Tweets von Annegret Kramp-Karrenbauer nach der Görlitz-Wahl lustig machten. Und über ihre Aussage, sie würde künftig ihren Sohn fragen, wenn es um Social Media geht. Und und und. Es war ein hässlicher Jubel. Endlich wieder ein Anlass…

Ob denn da nicht mal jemand drüber lese, bevor sie so was herausblase, war noch eine der freundlicheren Äußerungen. Und ich dachte: Freunde – merkt Ihr eigentlich noch irgendwas? Was war nochmal der Hauptkritikpunkt nach der zögerlichen Reaktion auf das Rezo-Video? Zu langsam, AKK, das muss schneller gehen! Zack, zack, Du musst das Spiel schon beherrschen, wenn Du bestehen willst.

Markus Söder hat das sofort aufgegriffen und in vorauseilender Anbiederung alle möglichen Reformen hin zur digitalen CSU versprochen. Weil die Kommunikation zu langsam sei, zu viele Instanzen, immer muss jemand genehmigen, was man öffentlich sagt usw. Nun wolle man spontaner werden, flexibler. Mehr halt wie die Meinungsmacher im Netz.

Mir ist fast schlecht geworden. Das sich die Welten annähern müssen, jung und Alt, Netz und Institutionen, sehe ich. Aber auch, dass es bisher vor allem eine Seite versucht. Und nur scheitern kann. Siehe oben. Wenn nochmal jemand drüber lesen soll, man sich berät, dauert das. Und nicht zuletzt: nachdenken. Dauert.

Unsicherheit verboten

Muss man aber, wenn man zu dieser Minderheit derer gehört, die Entscheidungen fällen, in deren Folge IMMER das halbe Land aufschreit. Oder eben das nächste Mal die Stimme verweigert. Die im Nu einen Sturm des Spotts und Geiferns losbrechen lassen. Dafür braucht es nicht mal eine Entscheidung. Ein ungeschickter Satz reicht. Unsicherheit wird geahndet.

Spott und Geifern sind schon lange nicht mehr Sache einiger Wütender und Extremer. In den Parteien, aber auch in den Medien und zwar nicht nur in den „sozialen“, und überall. Ich kann mir immer nur die Augen reiben, wie lange viele Politiker das durchhalten. Nie etwas richtig machen zu können. Die Gnadenlosigkeit. Das Tempo.

Als ich kürzlich mit einem noch sehr jungen Mann über das Rezo-Video sprach, war ich einerseits erfreut, über das erwachte Interesse für all diese Themen. Ich finde auch Rezo nicht unsympathisch. Unbehagen bereitete mir die völlige Unkenntnis beider jungen Männer, was politische Prozesse und Grenzen angeht. Und dass sich beide bisher glaube ich nicht eine Minute überlegt haben, ob sie den Knochenjob Politiker auch nur drei Tage durchhalten würden. Weil er eben nicht nur an die Knochen geht. Sondern an die Seele, die Substanz.

Zweimal „Nein“

Ich habe den jungen Mann gefragt, ob er gut sprechen und denken könne, wenn tausende um ihn herum schon die rhetorischen Schnellfeuerwaffen im Anschlag haben. Egal, was er sagt, denn die Hälfte geht so oder so los.

Er sagte: Nein.

Ich sprach vom Rückzug Andrea Nahles’ und von dem Wunder, dass Merkel immer noch steht, und dass, wer die Zerstörung der bisherigen Parteien und letztlich ja eines ganzen Systems fordert, sich fragen sollte, vorher, was an dessen Stelle treten soll. Derjenige selbst? Nein, selber machen wollen die eloquentesten Spottbürger und Besserwisser meistens eher nicht.

Also Leute, an denen das alles abprallt? Dickhäutige, die einfach zurückblöken. Schnelle, denen Denken eh lästig ist und die sorgfältige Prüfung von Fakten und Folgen sowieso. Laute, die einfach noch lauter werden, wenn die Kritik zu laut ist. Bis man vor lauter Brüllen gar nichts mehr versteht. Ich fragte den jungen Mann, ob das die Leute seien, die in seinen Augen in Zukunft darüber entscheiden sollen, was in Deutschland, Europa und der Welt geschieht. Und ein bisschen auch, wie wir miteinander sprechen.

Er sagte: Nein.

Längst mittendrin

Und war danach recht nachdenklich. Er ist noch jung, da wird noch viel passieren, gedanklich. Ich frage mich aber, warum all die anderen, älteren, erfahreneren, die lustig mitmischen am „Dauergemotze über unsere Demokratie“ den Schuss nicht gehört haben. Er ist längst gefallen, der sprichwörtlich und der buchstäbliche. Wir haben echt andere Sorgen als harmlos-hilflos twitternde Kanzlerkandidatinnen.

Verrohung beginnt immer im Kleinen. Und in der Sprache. Von Beginn kann aber keine Rede mehr sein.

4 Antworten zu “Laufend grübeln Die Verrohung und der Spottbürger”

  1. Bettina sagt:

    Wichtige, gute, wertvolle Gedanken. Wow und Dankeschön.

  2. Friedel sagt:

    Dein Text ist auch noch im September gut und bedenkenswert.

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