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Mai 2019

Nicht nur ein Buch für Kinder: Ein mittelschönes Leben

„Früher war der Mann mal ein Kind, das ist ja logisch. Jeder war ja früher mal ein Kind.“

„Und dann ist das Unglück gekommen.“

Mit den ersten beiden Sätzen beginnt die kurze Geschichte „Ein mittelschönes Leben“. Mit ihnen beginnt auch dieser kleine Text, weil sie sich so festgekrallt haben. Wir vergessen das oft. Das jeder einen Weg hinter sich hat. Den man ihm oder ihr aber nicht immer ansieht. Die Knicke und falschen Abzweige, die Kämpfe und verpassten Chancen, was der Mensch mit sich herumträgt und was er verloren hat. Darüber dachte ich letztens viel nach, weil das Kind Fragen gestellt hat. Aber dazu gleich.

Der dritte eingangs zitierte Satz steht an einer Stelle, an der es eigentlich schon gekippt ist, das Leben des Mannes ohne Namen, das hier von Kirsten Boie so klar und liebevoll erzählt wird und von Jutta Bauer genauso illustriert. Als Leser weiß man das schon. Es gab Andeutungen. Und man kennt natürlich das Cover. Trotzdem dollern die leisen Zeichen, dass der Mann bald ganz anders und woanders lebt, einem ganz schön zwischen die Rippen. Dahin, wo das Herz sich wehrt gegen das, was hier passiert. Man will es nicht.

„Als der Mann in Simone verliebt war, war das schön. Sie sind zusammen weggegangen, abends, ins Kino und in die Disko oder einfach nur so in den Park. Da haben sie die Sterne angeguckt und gelacht und den Mond angeguckt und sich geküsst. Jetzt ist der Mann ja auch oft im Park.“

Urlaub auf Mallorca

Jetzt ist der Mann ja auch oft im Park. Neun Wörter. Sie nehmen das Ende der Geschichte vorweg. Wie wichtig diese Vorwegnahme ist, wurde mir erst bei der wiederholten Lektüre klar. Das zukünftige Leben als Obdachloser und das zu diesem Zeitpunkt der Erzählung noch „normale“ Leben als verliebter junger Mann, der mit Simone bald zwei Kinder bekommen wird, einem Beruf nachgehen, den er nicht besonders mag, der ihm aber auch nicht besonders schwer fällt, der bald Überstunden macht für Auto und Urlaub auf Mallorca, diese beiden Leben laufen von nun an beim Lesen parallel.

Und zwar ganz nah beieinander. Eindringlicher könnte man nicht erzählen, wie klein der Schritt sein kann. Von einem Leben ins andere. Und dass es oft viele winzige Schritte sind. So winzig, dass man im Nachhinein gar nicht sagen kann, wo der Übergang begann. Denn auch diese Szene kommt vor dem Satz „Und dann ist das Unglück gekommen“:

„Im Sommer sind sie sowieso oft Eisessen gefahren. Luca mochte am liebsten Schoko und Leonie Maracuja. Das weiß der Mann immer noch. Was Luca und Leonie jetzt machen, weiß der Mann nicht. Manchmal denkt er noch an Luca und Leonie.“

Auch die Scheidung von Simone kommt vorher. Der Mann ist abends von den Überstunden immer müde und setzt sich mit einem Bier vor den Fernseher. Simone lernt einen anderen Mann kennen und als er das mitkriegt, schreit er sie an. Ist hier nicht schon das Unglück gekommen? Und nicht erst, als er seinen Job verliert? Selbst da heißt es noch:

„Zuerst hat sich das Unglück gar nicht wie ein Unglück angefühlt, sondern fast wie Urlaub oder Sonntag. Wenn der Mann morgens vor dem Fernseher aufgewacht ist, musste er jetzt nicht mehr zur Arbeit gehen, sondern hat weitergeschlafen (…) Manchmal hat er jetzt auch schon morgens ein Bier getrunken. Aber nur manchmal.“

Vor dem Kaufhaus

Aus dem Manchmal muss kein Immer werden. Aus einem verlorenen Job auch nicht ein weiterer, auch noch in einer anderen Stadt, wo der Mann niemanden kennt. Natürlich muss es nicht so laufen, dass jemand den Besuchssonntag der Kinder vergisst, und unrasiert die vernachlässigte Wohnung öffnet. Es muss nicht so kommen, dass die eigenen Kinder Angst kriegen und nicht mehr wiederkommen. Und jemand, wie der Mann, im Sommer im Park und im Winter vor dem Kaufhaus wohnt. Weil es dort im Eingang nicht so kalt ist.

Aber es kann passieren. Und zwar jedem. Das ist die Botschaft von Kirsten Boie, Jutta Maier und Hinz&Kunzt, ein soziales Projekt in Hamburg, das berät, hilft und auch die gleichnamige Obdachlosenzeitung herausgibt. 17 Seiten brauchen sie dafür, 17 Seiten, durch die jedes Kind versteht, dass der zerzauste Mann mit dem Pappbecher vor dem Supermarkt oder die in einen schmutzigen Schlafsack gehüllte Frau in der Unterführung nicht „die Obdachlosen“ sind, sondern Menschen, die womöglich mal ganz anders gelebt haben.

Auf weiteren zehn Seiten kommen noch Menschen zu Wort, die auf der Straße leben. Auch die gehen nahe, klären den Blick, informieren. Aber eigentlich – unterstreichen sie nur, was man nach der Geschichte weiß. Wie schwer es ist, wieder zurückzukehren in das Leben, das man gerade noch hatte:

„Der Mann würde gerne wieder Arbeit haben, dann könnte er endlich seine Rechnungen bezahlen. Aber um Arbeit zu kriegen, braucht man eine Wohnung. Die würde der Mann auch gerne wieder haben, aber wovon soll er die wohl bezahlen? Da müsste er ja Arbeit haben.“

Schuld und Scham

Ich habe schon viel über Obdachlosigkeit gelesen, geschrieben, gesprochen. Mit Menschen, die helfen, etwa in der Bahnhofsmission Berlin, die dokumentieren, wie  Debora Ruppert (und auf diese Weise helfen, sichtbar machen), die Fotografin, die mir „Ein mittelschönes Leben“ schickte, und Orlando El Mondry , mit meinen Kindern, die Fragen stellen. In Berlin kommen diese Fragen zwangsläufig, wie in Hamburg, wie in vielen Städten. Es sind auch Fragen wie „Warum hat der Nike-Turnschuhe an, wenn er bettelt“ oder „Warum kann der sich einen Hund leisten“? Es sind Fragen wie „Warum ist der so sauber, wenn er keine Dusche hat“ oder „Warum sucht er sich keine Arbeit?“ Aber auch: „Warum gibt man ihm keine Wohnung?“

Viele dieser Fragen sind schwer zu beantworten. Das zeigt, wie gut sie sind, auch wenn sie zunächst manchmal so hart klingen. Aber harte Fragen sind besser als gar keine zu stellen, weil man meint, die Antworten schon zu kennen. Antworten auf Schuldfragen, wo man nach der Scham fragen müsste. Antworten auf Zuständigkeitsfragen, wo man sehen müsste, wie kompliziert diese oft sind. Und sie helfen gegen Angst und Abscheu – normale Reaktionen in der Begegnung mit etwas, das man – noch – nicht versteht. Der Mann hat auch Angst. Er…

hofft, dass Luca und Leonie nicht irgendwann vorbeikommen, wenn er da auf seiner Pappe sitzt (…) Aber wenn sie doch irgendwann mal kommen, ist das vielleicht auch nicht so schlimm, denkt der Mann. Bestimmt erkennen sie ihren Papa gar nicht.“

Was diese wenigen Seiten ganz nebenbei, mit ein paar Wörtern auch noch schaffen: Sie wecken Mitgefühl. Nicht Mitleid. Mitgefühl. Der da sitzt, ist ein Papa. Ich bin sicher, das funktioniert nicht nur bei Kindern. Deswegen sollten auch ganz viele Erwachsene dieses oder ähnliche Bücher lesen. Man sieht danach anders auf die Dinge. Nicht nur, weil jeder mal ein Kind war.

Kirsten Boie und Jutta Bauer: Ein mittelschönes Leben. Ein Kinderbuch über die Obdachlosigkeit. Hinz&Kunzt, Hamburg 2017, 28 Seiten, ISBN: 978-3-00-026146-6. Empfohlen für Schüler der 3. und 4. Klasse. Leseprobe hier: https://www.einmittelschoenesleben.de

 

 

3 Antworten zu “Nicht nur ein Buch für Kinder: Ein mittelschönes Leben”

  1. Herzlichen Dank, liebe Barbara, für diesen eindrücklichen Bericht über ein eher ungewöhnliches, vermutlich aber notwendiges Buch. Vermutlich muss man bei Kindern ein gewisses Alter voraussetzen, Schulkinder sollten sie schon sein, oder? Es ist jedenfalls ein Buch, dass ich bei passender Gelegenheit meinen Enkeln mitbringen und vorlesen werde.

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