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barbara weitzel, gabriel tallent
November 2018

Tipps von Buchhändlern lesen: Mein Ein und Alles.

Kann ein Buch zu gut sein? So gut, dass das Leid, von dem es erzählt, einem so nah geht, dass man Angst hat vor dem Weiterlesen? So brutal, dass man Stellen ganz hastig liest oder überspringt, weil man selber Schmerzen hat, körperlich? Aber das einem die Figuren eben auch so nahe bringt, dass man sie nicht einfach verlassen kann? Dass man weiterlesen muss, bis zum Schluss, und wenn es nur darum geht, dass man sie am Leben wissen will, idealerweise in einem besseren Leben als über lange Strecken des Buches?
Die Antwort ist natürlich ja. Und weil das so ist, folgt hier keine Rezension, sondern mehr ein Sich-das-Buch-von-der-Seele-Schreiben. So wie in den letzten Wochen, in denen mich Gabriel Tallents Debüt (man muss sich das klarmachen. Ein Debüt. Der Autor ist 28 Jahre alt. Unfassbar. Woher dieses Wissen, diese Wucht, und diese Sprache?) zerzaust hat, ging es mir ja schon mal, mit „Ein wenig Leben“. Das wollte ich auch immer wieder mindestens weglegen, lieber an die Wand werfen, in schlimmen Momenten aus meinem Leben verbannen. Konnte es auch nur mit Pausen lesen, in denen ich dann aber auch litt, weil ich ja wissen wollte wie es weitergeht. Phasenweise war das auch bei Ute Cohens „Satans Spielfeld“ so, und bei „Kukolka“ von Lana Lux.

Über „Mein Ein und alles“ habe ich oft gelesen, es entwickle einen „Sog“. Das war, nachdem es mir einem schönen Gespräch in den wunderbaren Buchhandlung Geistesblüten  ans Herz gelegt wurde. Da hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. Aber das mit dem Sog stimmt. Obwohl schon die ersten Seiten so schwer erträglich sind, als ob das Buch einen warnen wolle. Von sich stoßen. Gucken, was man aushält. Waffen, Waffen, Waffen. Alles dreht sich um Gewehre und Pistolen und Messer und sie zu säubern und natürlich zu benutzen. Akteure sind der so belesene wie wahnsinnige Martin und seine Tochter Julia, die Turtle genannt wird und sich auch so nennt. Sie ist 14. 14! Isst rohe Eier zum Frühstück, nachdem sie ihrem Vater ein Bier zugeworfen hat und wird regelmäßig in sein Zimmer geschleppt, wo er sie fickt und dem Kind seine Liebe ins Ohr stöhnt.

Was passiert, wenn Liebe krank wird. Davon handelt „Mein Ein und Alles“. Daniels Liebe ist so krank wie der ganze Mann, die Liebe zu den Waffen ist so krank wie in der Realität, Turtles Liebe zu ihrem Vater ist total, einsam, wissend um seinen Wahnsinn, durchtränkt von Angst und Abscheu aber eben doch – die Liebe eines Kindes.

Wie wahnsinnig und falsch ihr beider Leben ist, wird Turtle klar, als sie das „normale“ kennenlernt, jedenfalls im Vergleich, denn auch in Jakobs und Bretts Leben läuft einiges ziemlich schräg. Aber ihre vergnügte Zuneigung, die schnell zu echter Sorge und dann Fürsorge wird, lassen Turtle (und den Leser) die Zustände in der Hütte im Wald noch greller wahrnehmen. Die Passagen, in denen die beiden Jungs sich ihre sprachwitzverknallten Dialoge liefern, sind wie kleine Erholungsurlaube. Auch wenn Daniel im Hintergrund immer aufragt, und das Wissen, dass Turtles leichte Momente immer solche bleiben werden. Momente mit dem Grauen im Hintergrund. Dass das Ganze explodieren muss, bevor auch nur die kleinste Hoffnung auf Hoffnung aufkommen kann. Und zwar in einer Weise explodieren, die einen an die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft bringen. Weil eben so viele Waffen im Spiel sind. Und so viel kranke Liebe.

Das „Finale“ habe ich lange vor mir hergeschoben. Aus Angst, was mit Turtle passiert. Dass ein solches Buch kein Happy End haben kann, wusste ich. Aber wenigstens ein zartes Leuchten. Darauf hoffte ich und mir war nicht klar, was es mit mir machen würde, käme es anders. Dieses Mädchen, das so viel ausgehalten hat und so viel kann, sollte leben. Gesunden. Erlöst werden. Verdammt. Turtle kennt alle Pflanzen, fürchtet kein Tier, hilft den Jungs durchs Dickicht, kann alles reparieren… die Wortgewalt, die Tallent und sein Übersetzer Stephan Kleiner für ihren Lebenswillen, die Natur, die zarten Gefühle für Jakob finden, erzeugt diesen Sog. Man kann da nicht wieder raus.

Oh Mann. So viele Worte, so viele markierte Textstellen und keinen einzigen Satz zitiert. Vielleicht, weil ich es gerade nicht wieder aufschlagen will. Ich wäre gleich wieder drin gefangen. So gut ist das Buch.

 

Gabriel Tallent: Mein Ein und Alles. Aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner. Penguin 2018, 480 Seiten, ISBN: 978-3-328-60028-2

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