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barbara weitzel, midnight cowboy
Oktober 2018

Gelesen und geweint: Midnight Cowboy

Könnte ich heute in mein Tagebuch schreiben, Kafka kopierend. Oder einfach: Ein Buch gelesen. Geweint. Das hab ich nämlich gemacht, während das Kind kickte und jetzt bin ich durch mit „Midnight Cowboy“ von James Leo Herlihy und, und das ist wichtig, denn wäre es nicht so, hätte ich das Buch wohl nicht gelesen, Daniel Schreiber. Der hat es nämlich neu übersetzt, und ich hätte es wohl, offen gesagt, nicht angefangen, wenn der Verlag nicht damit geworben hätte.

Nichts gegen eine Geschichte von einem einsamen jungen Mann, der in die große Stadt – New York – geht, um als „Cowboy“ und Stricher sein vermeintliches Glück zu machen. Nichts gegen Geschichten über Einsamkeit, Freundschaft und Liebe, über ein Leben auf der Straße und im Schlund der Großstadt. Aber ich wäre wohl daran vorbeigelaufen. Es wäre untergegangen, in der Masse neuer Bücher.

Wie froh ich bin, wie froh. Dass ich es nun kenne. Joe Buck kenne, den Midnight Cowboy, der nie einer war und hätte werden können: „Er hatte sich immer schon gefragt, was es mit diesen Party auf sich hatte, und nun nahm er an einer teil und mochte es nicht besonders. Wenn das ein gutes Beispiel für eine Party sein sollte, war es auf einer Partys sogar noch trauriger als auf der Straße.“

Den man so lieb gewinnt, nach wenigen Seiten, dessen wirklich nackte, totale Einsamkeit einem schier die Brust verknotet. Szenen wie die, in der er, gerade im Hotel eingecheckt, eine dieser Hotelpostkarten schreiben will, werde ich nie wieder vergessen. Joe schreibt „Lieber…“ und dann fällt ihm auf, dass er überhaupt niemanden kennt, dem er schreiben könnte. Im Radio – ein Transistorradio, das er auf der Schulter trägt, während er den Broadway rauf und runter läuft – hört er am liebsten Sender, in denen viel geredet wird, „und er nahm oft an den Unterhaltungen teil, die er dort hörte.“ Gibt es stärkere Bilder?

Für das Ganz-allein-auf-der-Welt-sein, dem er zu entkommen versucht, unermüdlich, und immer wieder an die falschen Menschen gerät. Nicht böse wird, nicht rachsüchtig, nicht bitter. Das einzige Mal, als Joe Gewalt anwendet, tut er es aus Liebe. Dass es Liebe ist, weiß er da noch nicht. Der Leser schon lange. Vielleicht schon, als er Ratso trifft.

Ratso alias Rico Ritso, der Krüppel, mit dem er einmal so viel lacht, dass beide kaum mehr Luft bekommen, Ratso, der ebenso Verlorene wie Joe. Der raue Ton zwischen den beiden, der auch der Ton der Straße ist, wird zwischen den Zeilen, in einzelnen Sätzen und Passagen so aberwitzig zärtlich durchleuchtet, dass man auch manchmal weinen muss vor Glück. Ich kenne weder das Original noch die frühere Übersetzung, aber was Daniel Schreiber hier aus diesem über 50 Jahre alten Text macht, ist ziemlich überwältigend. Weil ich mich nicht entscheiden könnte, zitiere ich keine der etwa 82 Textstellen, Seiten, Sätze, die ich drei bis fünf Mal gelesen habe. Nur eins noch: Über die Umarmung, die sehr spät stattfindet, schreibt Daniel im Nachwort: „Es dürfte eine der erschütterndsten Umarmungen der Literaturgeschichte sein.“

Das stimmt.

 

James Leo Herlihy: Midnight Cowboy. Aus dem Amerikanischen von Daniel Schreiber. Blumenbar 2018, 320 Seiten, ISBN 978-3-351-05048-1

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