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Oktober 2018

Lesen und das Leise lieben: Ausgekafkat

„Was sagten Sie da zum Professor (…) es hat sich >ausgekaspert<, oder wie?“ – „Nein, ausgekafkat! Einfach ein Sprachspiel. Wie… verschillert… oder entbrechtet. Nur eben mit Kafka.“

Der kleine Dialog zwischen Tabea Thuleweit und Kommissar Bedke fasst auf’s Schönste zusammen, was Carsten Schmidt in seinem Roman „Ausgekafkat“ verhandelt, bebildert, wovon er sehr amüsant und zugleich sehr nachdenklich erzählt, mit ausgeprägtem Sinn fürs Kuriose und dabei nie schrill, sondern wunderbar leise – eine nicht soo häufig anzutreffende Kombi by the way. Es geht um die tiefe Kluft zwischen der akademischen Welt und der „da draußen“, wobei man da schon wieder überlegt, was eigentlich drinnen und was draußen ist.

Tabea Thuleweit ist jedenfalls drinnen und draußen zugleich. Sie kennt die Dichter und Denker (von denen einem viele begegnen bei der Lektüre, bekannte und nicht so bekannte, immer wieder schlägt man nach und googelt drauf los und macht Lektüre-Pläne) und hat trotzdem keinen Zutritt. Anders als der Bücher schreibende Professor, dem sie sein Buch um die Ohren haut, nachdem sie eine der schönsten verbalen Abrechnungen mit dem Geistesbetrieb und seinen Arroganzen und Ungerechtigkeiten vom Leder gelassen hat, die ich je gelesen habe.

Als sie beim Verhör erklären muss – das Leben des Professors hängt da noch am Faden, und von Anfang an ist klar, das hier keine falschen Heldentaten gefeiert werden – was genau geschehen ist, tritt die Kluft übrigens auch schon mal zutage, so zwischen den Zeilen, wie so vieles in Carstens Buch. (Auch) deswegen mag ich es so.

„Schritt für Schritt. Haben wir das richtig aufgenommen? Die Waffe war ein Buch? – „Ja.“ – „Wem gehört das Buch?“ – „Mir, ich habe es irgendwann gekauft.“ – Wieso sagten sie gerade, es ist >seins<?“ – „Gothial ist der Autor. Ich habe ihm seinen eigenen Mist um die Ohren gehauen.“

Sturz in die Kluft 

Hier wird deutlich gesprochen und trotzdem versteht keiner keinen. Nach und nach dann aber doch, vor allem versteht Tabea Thuleweit (ich muss immer den ganzen Namen schreiben, weil ich ihn so mag), die anfangs so unbeteiligt ist, als ob sie selbst nur eine Figur in einem Buch wäre.

Sie stürzt in diese Kluft, wacht zaghaft auf in der U-Haft und so richtig dann in der JVA Hünefeld irgendwo in Hessen. Dieses „irgendwo in Hessen“ ist auch ein feines, kluges Detail des Romans. Fast die ganze Handlung spielt in einem irgendwo, nicht in den Metropolen, in Schildow, im Ostsee-Bad Gral-Müritz, irgendwo in Afghanistan .. ja, die Welt schwappt herein, in vielen Nebenfiguren, von denen man gerne noch mehr erfahren würde, aber es ist genau richtig so, dass es bei den Schlaglichtern bleibt.

Billie, die Zellengenossin, Cathrin Spätheim, die Bibliothekarin und natürlich die kluge Psychologin: sie alle bleiben dennoch unvergessen. Ein großes Gefühl verschafft sich Raum, als Billie und Cathrin Tabea Thuleweit mit dem Plakat der Dreigroschenoper und einem Küchlein überraschen. Das große Gefühl ist Rührung. Ganz oft ist man gerührt, von der respektvollen und sanften Annäherung an all diese Menschen und ihre persönlichen Kluften. Platz für eine scharf beobachtete Social-Media- und Medienklatsche ist dazwischen auch noch (Auftritt: Jana) und da ruscht der Universitätsbetrieb mit seiner Erregungskultur dann komplett ins Groteske. Wie in der Realität zuweilen. Alles drin.

Geschreibe und Gehabe

Schallend gelacht bei der Beschreibung der Pleiten-Pech-und-Pannen-Überführung von Tabea nach Hessen, auch noch. Die Kommissare beim Tanz mit dem Benzinkanister würde ich gerne im Tatort sehen.

Und überhaupt gerne bald wieder so ein Buch lesen mit so viel Komik und Literatur und Entwicklung drin, dass nie groß sein will. Und eine Welt kritisch beäugt, die so reich ist. Denn das ist doch auch ein Grund – vielleicht sogar die Hauptursache? – warum Tabea Thuleweit so ausflippt. Der Professor mit seinem eitlen Geschreibe und Gehabe verletzt etwas, das ihr heilig ist, Trost gibt und Kraft. Da geht’s nicht nur um verletzte Eitelkeit oder den Neid derer, die es nicht geschafft haben. Aber das ist jetzt schon viel Interpretation. Berufsrisiko (Hauptfach Germanistik, damals).

 

Carsten Schmidt: Ausgekafkat. Drava 2018, ISBN: 978-3-85435-895-4

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