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September 2018

Nachgedacht: Feuerpause

„Zu schnell zu bald
Zu spät zu lang.
Wir sind ständig unterwegs,
wir kommen
nicht
an.“

Kate Tempest gelesen. Antworten suchend, oft dort gefunden. Weil Tempest keine Angst vor starken Worten und Gefühlen hat. Starke Worte sind etwas anderes, als das, was gerade hin- und her geschleudert wird, zwischen den Lagern, zwischen den Wirsindmehr und den Mehrwerdenden. Sind wir mehr? Bestimmt. Sind wir genug? Laut genug? Das scheinen sich viele zu fragen. Und antworten auf Häme und Spott und Gehässigkeit mit Häm, Spott und Gehässigkeit. Das tut bestimmt gut, aber hilft es uns? Wir twittern, posten, meinen und hashtagen in einem Tempo, das mir Angst macht. Wir sind nicht zu wenig laut, sondern alle zu viel. Wir nehmen die Lautstärke derer an, die wir verachten.

Wann denkt wer nach? Ich wünsch mir, ähnlich der Feuerpause in Kriegsgebieten, eine Feuerpause des Aus-der-Hüfte-Schießens.

Verfolge das Das-müsste-jetzt-passieren und Das-müsste-xy-jetzt-mal-sagen und das Schon-wieder hat y-z das falsche gesagt und getan und denke: Ja, Himmel: Weiß denn irgendwer, was zu sagen und zu tun wäre? Wie viel Kraft, kreative Kraft, die so gut zu nutzen wäre, geht drauf für Wer-hat-Schuld und Wer-hätte-was-tun-sollen und Wenn-ich-König-von-Deutschland-wär-dann-aber… Ja, was dann?

Und währenddessen bricht in Syrien das nächste Bombardement los. Wer nicht sterben will, macht sich auf den Weg. Und im Radio reden gehetzte Politiker und andere Analysten von „Beseitigung von Fluchtursachen“. Sie müssen das , es wird von ihnen erwartet. Schnell. Und ich höre mich spöttisch auflachen. Und schäme mich. Wann sollen die denn Fluchtursachen beseitigen? (Gesetzt dem Fall, sie wären überhaupt in der Lage. Wahrscheinlich ist das schon eine fürchterliche Selbstüberschätzung. Aber auch eine, die erwartet wird) Die meiste Zeit verbringen sie doch damit, Statements abzugeben, erwartete, dringend erwartete, geforderte, vermisste und längst ausstehende. Mit dem Wissen, dass jedes Statement zur Vernichtung führt. Weil keiner mehr was Richtiges sagen kann.

Wir kommen nicht an. Weil wir unsere Kraft verschwenden. Schreien statt zu denken. Labern statt zuzuhören. Nicht mal einen Moment innehalten können und überlegen. Und den auch niemand anderem gönnen.

Vorgestern war ich in der Nähe des Hauses der Berliner Festspiele. Eine Lesung des Internationalen Literaturfestivals ging gerade zu Ende, hunderte Jugendliche strömten aus dem Saal. Sie redeten miteinander, die wenigsten guckten auf ihre Handys. Ich weiß nicht, wen sie gehört haben. Irgendeinen Autor oder eine Autorin von irgendwo auf der Welt. Und er/ sie haben diese Teenager beschäftigt, aufgeweckt, zum Reden gebracht. Warum nicht die Kraft dahinein stecken, dachte ich. Geradezu euphorisch. Diese jungen Menschen bekommen die ganze Welt, wenn sie wollen. Texte aus aller Welt, Reisen in alle Welt. Wäre nicht eine große Aufgabe, denen klar zu machen, was dieses In-der Welt-sein wert ist? Was gerade verloren zu gehen droht?

Als eine Idee, was zu tun wäre. Statt zu kreischen und zu meinen und sehr viel Zeit vor Bildschirmen zu verbringen mit Zeug, das wir nicht lesen wollen und darauf Zeug zu antworten, dass nichts bringt außer streichelnder Herzchen.

Wir verschwenden so viel Kraft.

Wir sind ständig unterwegs / wir kommen nicht an.

 

Kate Tempest: Let Them Eat Chaos. Aus dem Englischen von Johanna Davids. Edition Suhrkamp 2018, ISBN: 978-3-518-12754-4  

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